Babys schreien lassen ist doof!

Ja, das ist eine ziemlich klare Überschrift. Und es ist genau das, was ich denke! Babys lässt man nicht weinen. Nie niemals nie!

Der SternTV-Beitrag vom 10.7. zum Thema "Schreibabys" hat zumindest in meinem kleinen Mikrokosmos ziemlich hohe Wellen geschlagen.

Ich selbst habe mich auch an SternTV gewandt, deren Reaktion ist aber bisher mehr als dürftig.

 

Aber nicht nur ich, sondern auch viele andere haben sich den Sender oder die beteiligte Schreiambulanz gewandt, um ihren Unmut kund zu tun.

 

Meine Schwester Katharina hat sich auch intensiv mit dem Thema befasst. Sie gab mir ihren Leserbrief zum lesen und er gefiel mir so gut, dass ich sie gefragt habe, ob ich ihn hier veröffentlichen darf. Ich darf :)


"Die Sendung zum Thema "Schreibabys" fing ganz gut an, das Thema Reizüberflutung als eine mögliche Ursache ist gut und richtig beschrieben worden. Manche Säuglinge mit einer Regulationsstörung sind nicht in der Lage, die Reize adäquat zu verarbeiten, dies wurde vollkommen richtig dargestellt.
 Jedoch heißt dies insbesondere, dass man als Eltern das Kind unterstützen und _nicht_ alleine lassen sollte!
Zu glauben, ein Kind könne zur Ruhe kommen, indem man es 30 Minuten und länger schreien lässt, der sollte mal den Selbsttest versuchen (an dieser Stelle verweise ich sehr gerne auf den Selbsttest vom Nestling blog). Hinlegen und 30 Minuten aus voller Seele schreien, als ginge es ums eigene Leben. Wer sich danach "ruhig und entspannt" fühlt, hat was falsch gemacht.

Mir stoßen bezüglich der Sendung insbesondere drei Momente sehr auf:


1) Das als böses Verhalten dargestellte nächtliche Aufwachen des jungen Säuglings. Ein möglicher Zusammenhang zwischen der sogar vorab erwähnten Regulationsstörung und dem nächtlichen Schreien wird nicht gesehen.
Des Weiteren erklärt Herr Dr. Lion, was passiert wenn das Kind in einem vollkommen dunklen, ruhigen Raum liegt. Der Gefahrenimpuls wird ausgelöst.


Das ein Säugling, welcher nachts alleine in seinem eigenen Zimmer schlafen muss, genau dieser Situation ausgesetzt wird, wird ebenfalls nicht erkannt.
Stattdessen wird das Kind als manipulatives Wesen dargestellt, welches aus reiner Boshaftigkeit und Angewohnheit nachts wach wird ("konditioniertes Verhalten", "mache ich das, passiert das", "gelerntes Verhalten"). Wir reden hier von einem wenige Wochen altem Säugling!

2) Anstatt auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen, wird hingegen dazu geraten, es schreien zu lassen. Die Sozialpädagogin verteidigt es, indem sie aussagt, das Kind (sinngemäß) "sei gesund, wisse sich in Sicherheit und die Grundbedürfnisse seien erfüllt." - wobei hier ein sehr defizitäres Wissen über die Grundbedürfnisse eines Säuglings vorausgesetzt wird. Nähe und Körperkontakt gehören bspw. auch zu den Grundbedürfnissen des Babys (welches in der Reportage hauptsächlich im Bett, im Kinderwagen, im Laufstall, auf der Decke zu sehen war....)


Die Mutter verlässt im Video das Wohnzimmer während das Kind schreit, für das Kind heißt es: Mama ist weg, ich bin alleine. Da ist es egal, dass die Mama nur im Nebenzimmer ist, für einen Säugling ist weg gleich weg. Es weiß nicht, dass sie gleich wieder kommt und ihm nichts passieren wird. Es hat Angst!
Was dort also erzählt wird ist reines Schönreden, wir haben es mit nichts anderem als mit schlichtem Schreien lassen zu tun.

3) Das Baby "lernt was falsch ist, es lernt: ich schreie und jemand kommt".
Daraus spricht so unfassbar viel Unwissenheit, weswegen ich ein wenig weiter ausholen möchte:


Hier werden Erkenntnisse zu den Themen "Urvertrauen" und "Bindung" völlig außer Acht gelassen. Auch, dass ein Säugling gar nicht in der Lage ist, zu manipulieren, scheint nicht bekannt zu sein. Dazu ein kleiner Text von Dr. Rüdiger Posth.


Die Sorge, daß der kleine Fratz den Eltern auf der Nase herum tanzt, ist ziemlich unbegründet.

Ein Lernen im eigentlichen Sinne, d.h. geistige Vorwegnahme eines zu erreichen Ziels, Planung einer adäquaten Handlung aus dem faktischen ("expliziten") Gedächtnis heraus und Schlußfolgerung, Annahme und Ziel auf diese Weise in Übereinstimmung zu bringen, sind von einem kleinen Säugling aus verschiedenen Gründen nicht zu leisten:

  • Sein faktisches Gedächtnis ist noch unreif, nachweisbar dadurch, daß das diesbzl. Zentrum im Gehirn, der Hippocampus noch nicht optimal arbeitet.
  • Die für planendes Handeln zuständigen Hirnrindenabschnitte im Frontalhirn des Menschen sind größtenteils noch nicht an das assoziative System angeschlossen. Beweise dafür liefern uns die Positronenemissionstomographie (PET) und die funktionelle Magnetische Resonanztomographie (fMRT). [...] Unglücklicherweise funktioniert sein emotionales Gedächtnis schon, und zwar vom ersten Tag an. Dazu gibt es ein anderes Gedächtniszentrum, die Amygdala oder Mandelkerne. [...] Und darüber werden nun all die frühen Gefühle (zunächst eben ohne den faktischen Hintergrund) peu a peu abgespeichert. Das hat die Natur deswegen so eingerichtet, damit der Mensch vom ersten Tag an mittels seiner Gefühlshaftigkeit eine primäre Bindung zu seiner Bezugsperson aufbauen kann. [...]

 Wenn nun der Säugling in dieser "Arbeit" immer wieder heftig erschüttert wird, wird er in seiner Entwicklung Schwierigkeiten bekommen. [...]

Zum Thema Bindungstheorie steht auf Wikipedia:
Die Bindung veranlasst das Kleinkind, im Falle objektiv vorhandener oder subjektiv erlebter Gefahr (Bedrohung, Angst, Schmerz) Schutz und Beruhigung bei seinen Bezugspersonen zu suchen und zu erhalten. [...]
Sicher gebundene Kinder entwickeln aufgrund von elterlicher „Feinfühligkeit“ eine große Zuversicht in die Verfügbarkeit der Bindungsperson. Die Feinfühligkeit der Mütter ist gekennzeichnet durch die prompte Wahrnehmung der kindlichen Signale, der richtigen Interpretation dieser und einer angemessenen sowie prompten Reaktion auf diese Signale, welche keine starke Frustration beim Kind hervorruft. [...]
[Es gibt] Zusammenhänge zwischen psychopathologischen Störungen im Erwachsenenalter und Bindungsstörungen.

 


 Prompte Reaktion bedeutet alles andere als den Raum zu verlassen, während das Kind im Bettchen liegt und schreit.


 Zumal dies wohl definitiv als „starke Frustration“ gewertet werden kann.
Das Ziel sollte sein, dass das Kind eben genau das "lernt", was hier als schlecht deklariert wird. Nämlich, dass das Kind in Not weiß: wenn ich weine, dann ist jemand für mich da!

Nun, manche lassen sich mit Psychologie nicht überzeugen, zum Glück gibt es in der heutigen Zeit auch viele Erkenntnisse aus der Neurobiologie: Flucht der Bezugsperson:

Das Kind weint oder schreit, die Mutter schließt die Tür vom Kinderzimmer und geht fort, um das Schreien nicht zu hören (flüchtet).
 [...]
Neurobiologisch betrachtet wird durch das weinende Kind in diesen Fällen bei der Mutter das neuroendokroine Selbsterhaltungssystem Stressreaktion anstelle des Bindungssystems aktiviert. Dies sorgt für Ausschüttung von Epinephrin/Norepinephrin, was die Motivation für Kampf oder Flucht erhöht.
 

Es erfolgt beim Kind eine kurzfristige Stressreaktion und Ausschüttung von Glucocorticoiden, es hört auf zu weinen und eventuell wird das Bindungssystem unterdrückt. Das Kind entwickelt ein negativ besetztes inneres Modell der Interaktion/(unsichere Bindung).


Es hört auf zu weinen! Genau das, was die Familie erreichen möchte, nicht wahr? Die Kosten muss das Kind tragen, aber wen interessiert das schon...

Der Zusammenhang zwischen frühkindlichem Stress und neurologischen Schäden ist mittlerweile zu genüge belegt, man kann beispielsweise "Stress" und "Hippocampus" bei google eingeben, dann findet man haufenweise Studien dazu (z.B. hier).


Mit einmal schreien lassen schadet man seinem Kind sicher nicht dauerhaft!

Wenn einem aber von "Experten" geraten wird, sein überreiztes Kind jedesmal - also bis zu mehrmals täglich - schreien zu lassen, bis es aufgibt(!), dann kann man durchaus von emotionaler Vernachlässigung und somit von Kindesmisshandlung mit all ihren negativen Folgen reden.

Wenige Minuten Internetrecherche hätten gereicht um zu erkennen, dass die sogenannte Expertin _alle_ bekannten Studien ignoriert und Sätze von sich gibt, deren Inhalte längst widerlegt wurden (siehe oben).


Hier werden hilflose Eltern vorgeführt, sie werden zur Kindesmisshandlung angeleitet und all dies wird dann auch noch als "Erfolg" dargestellt. Traurig...

Es gibt so viele Möglichkeiten, Eltern eines Schreibabys zu helfen (bedürfnisorientierter Umgang mit dem Kind, Hilfe durch Organisationen wie "Wellcome" u.s.w.), nichts davon wurde in der Sendung erwähnt.

 

Es scheint so, als wäre Schreien lassen die einzige Lösung.

 

Richtig ist, dass es die einzige Lösung ist, die niemals bewusst angewendet werden sollte.

Übrigens: Die postulierten Methoden und das vemittelte Bild vom Kind entspringen der Ideologie des dritten Reiches, hierbei nennenswert: "Die (deutsche) Mutter und ihr erstes Kind" von Johanna Haarer, welches lange Jahre die Standardlektüre zur Erziehung war:


„Die Erziehung wird bei Haarer zu einer Technik, die durch die Ablehnung von Freude, Zuneigung oder Trösten gekennzeichnet ist und (nach Sigrid Chamberlain) das „Kind als Feind“ betrachtet.“ Die negativen Auswirkungen waren tatsächlich auch damals schon bekannt und erwünscht - man wollte gefügige Untertanen haben.

 

Wir wollen starke Kinder! Kinder, die den Mut haben laut zu sein, wenn ihnen etwas nicht passt! Kinder, die ihre Bedürfnisse mitteilen und deren Bedürfnisse erfüllt werden.

Wir wollen Kinder, die Selbstbewusstsein haben!

 

Es ist nicht immer leicht, diesen Weg zu gehen.

Aber es zahlt sich aus!

 

 

 

 

 

 

 

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